„Verfressen“ oder schlicht hungrig?
In der Praxis sehen wir bei vielen Pferden ein sehr ähnliches Bild, wenn sie über längere Zeit stark rationiert gefüttert werden oder nur sehr kurze Öffnungszeiten an zeitgesteuerten Heuraufen haben. Sie fressen hastig, unterbrechen das Fressen kaum freiwillig und reagieren stark auf jede Form von Futterankündigung. Pferde stehen angespannt an der Raufe, rennen los, sobald sich etwas bewegt, und versuchen, in kurzer Zeit möglichst viel aufzunehmen.
Dieses Verhalten wird häufig als „Gier“ oder „schlechtes Benehmen“ interpretiert. Tatsächlich handelt es sich um eine Anpassungsreaktion auf erlernten Mangel.
Wird Futter zum Ereignis, geht Ruhe verloren.
Und genau diese Ruhe ist die Grundlage für gesundes Fressverhalten.
Wird Futter zum Ereignis, geht Ruhe verloren.
Wenn Zeitsteuerung Hunger und Stress erzeugt
Besonders problematisch wird Zeitsteuerung dann, wenn sie mit sehr kurzen Öffnungszeiten kombiniert wird. Öffnungszeiten von 20 bis 45 Minuten, fünf- bis zehnmal täglich, sind in der Praxis keine Seltenheit. Selbst bei optimaler Nutzung ergeben sich daraus häufig weniger als acht Stunden effektive Fresszeit pro Tag.
Wird zusätzlich loses Heu ohne strukturierende Elemente angeboten, verkürzt sich die tatsächliche Fressdauer weiter. Die Kauzeit sinkt, die Speichelbildung nimmt ab, und der Druck steigt, in kurzer Zeit möglichst viel aufzunehmen. In Gruppenhaltung kommt Konkurrenz hinzu – vor allem für rangniedrige Pferde.
Physiologisch bedeutet das eine erhöhte Belastung für den Magen.
Verhaltensbiologisch entsteht Erwartungsspannung, Stress und Unruhe.
Die Rolle von Netzen und Heuqualität
Netze sind ein zentrales Werkzeug im Fütterungsmanagement, wenn es darum geht, Fresszeit zu verlängern, Stress zu reduzieren und das natürliche Fressverhalten des Pferdes zu unterstützen. Sie bewirken, dass die Futteraufnahme verlangsamt wird. Das Heu bleibt über einen längeren Zeitraum verfügbar, wodurch Zeitdruck - wie etwa durch zu kurze Öffnungszeiten von Raufen entfällt und Pferde ruhiger fressen können. Die verlängerte Kauaktivität führt zu einer erhöhten Speichelproduktion und damit zu einer besseren Pufferung der Magensäure. Gleichzeitig sinkt der Konkurrenzdruck in Gruppenhaltungen deutlich, da das Futter nicht innerhalb kurzer Zeit verschwindet.
Ebenso entscheidend ist die Qualität und Struktur des Heus. Sehr leicht fressbares, feines oder kurze geschnittenes Heu verkürzt die effektive Fressdauer erheblich – selbst bei großzügiger Heumenge. Hohe Gehalte an löslichen Kohlenhydraten (Zucker, Fruktane) erhöhen zudem das Risiko für Übergewicht und Stoffwechselprobleme - optimal sollte der Zuckergehalt nicht über 10% liegen, für übergewichtige Pferde unter 6%, Fruktane generell unter 5%. Strukturreiches, später geschnittenes Heu mit höherem Rohfaseranteil erfordert mehr Kauarbeit, verlängert die Fresszeit und ermöglicht eine gleichmäßigere Energieaufnahme. Lange Fresszeiten bei moderater Energiedichte entlasten Verdauung und Stoffwechsel deutlich nachhaltiger als jede Zeitsteuerung.
Fakten aus der Fachliteratur und Praxis:
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Heunetze reduzieren die Fressgeschwindigkeit – je nach Maschenweite und Heustruktur – um ca. 30–60 %
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Die Fress- und Kauzeit verlängert sich deutlich, ohne die Heumenge zu erhöhen
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Längere Kauzeiten führen zu mehr Speichelbildung und besserer Pufferung der Magensäure
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Gleichmäßig verfügbare Heumengen reduzieren Erwartungsspannung und Konkurrenzverhalten
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Leicht fressbares, energiereiches Heu verkürzt die effektive Fressdauer unabhängig vom System
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Hohe Zucker- und Fruktangehalte erhöhen das Risiko für EMS, Übergewicht und Stoffwechselprobleme
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Strukturreiches Heu mit höherem Rohfaseranteil verlängert die Fresszeit bei geringerer Kaloriendichte
Warum Kauaktivität mehr ist als „langsam fressen“
Kauen ist für das Pferd kein Nebeneffekt der Futteraufnahme, sondern ein zentraler biologischer Prozess. Die Anzahl der Kauschläge, die Dauer des Kauens und die Struktur des Futters beeinflussen nicht nur die Verdauung, sondern auch das Stress- und Wohlbefinden des Pferdes.
Strukturarmes, loses Heu wird – insbesondere bei kurzen Öffnungszeiten – nachweislich deutlich schneller aufgenommen als strukturreiches Heu oder Heu aus Netzen. Dieses Phänomen ist gut untersucht und gilt nicht nur für Heu, sondern ebenso für den zeitlich beschränkten Zugang zu Gras: Je leichter ein Futter aufzunehmen ist und je knapper es verfügbar erscheint, desto schneller wird es gefressen.
Mit der Verkürzung der Kauzeit sinkt die Zahl der Kauschläge pro Kilogramm Futter deutlich. Das hat mehrere Folgen: Die Speichelproduktion nimmt ab, die Magensäure wird schlechter gepuffert und der Magen stärker belastet. Gleichzeitig geht ein wichtiger verhaltensbiologischer Effekt verloren: Kauen wirkt stressregulierend.
Während des Kauens werden beim Pferd – wie bei anderen Säugetieren – endogene Opioide (u. a. Endorphine) ausgeschüttet. Diese wirken beruhigend, spannungslösend und stabilisierend auf das Nervensystem. Langes, rhythmisches Kauen fördert daher nicht nur die Verdauung, sondern auch innere Ruhe und emotionale Stabilität. Verkürzte Fressphasen nehmen dem Pferd genau diesen regulierenden Mechanismus.
Zeitgesteuerte Systeme mit kurzen Öffnungszeiten und eventuell noch losem Heu führen somit nicht nur zu einer verkürzten Fressdauer, sondern auch zu einer massiven Reduktion der Kauaktivität. Das Pferd frisst schneller, kaut weniger und verliert einen wichtigen biologischen Ausgleichsmechanismus – mit direkten Folgen für Magen, Verhalten und Stressniveau.
Fakten zu Kauaktivität, Fressgeschwindigkeit und Stress
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Lose Raufuttergaben werden deutlich schneller gefressen als strukturiertes Heu oder Heu aus Netzen
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Kurze Öffnungszeiten verstärken diesen Effekt zusätzlich, da Futter als knappes Ereignis wahrgenommen wird
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Mit steigender Fressgeschwindigkeit sinkt die Anzahl der Kauschläge pro Kilogramm Futter erheblich
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Dieser Zusammenhang gilt nicht nur für Heu, sondern auch für energiereiches, kurzrasiges Gras, das schneller aufgenommen wird als strukturreiches Futter
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Längere Kauzeiten führen zu mehr Speichelproduktion
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Speichel ist der wichtigste Puffer gegen Magensäure im Pferdemagen
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Verkürzte Kauzeit erhöht die Belastung der Magenschleimhaut und das Risiko für Magenprobleme
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Kauen wirkt beim Pferd stressregulierend
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Während rhythmischer Kaubewegungen werden endogene Opioide (u. a. Endorphine) ausgeschüttet
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Diese fördern innere Ruhe, Spannungsabbau und emotionales Gleichgewicht
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Verkürzte Fress- und Kauphasen reduzieren diesen biologischen Regulationsmechanismus
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Zeitlich stark begrenzte Futteraufnahme begünstigt
– Erwartungsspannung
– hastiges Fressen
– Konkurrenz- und Stressverhalten
Hunger verlernt man nicht in zwei Wochen
Pferde, die über längere Zeit Hunger oder stark begrenzte Fressphasen erlebt haben, benötigen häufig Monate, manchmal länger, um wieder zu einem ruhigen Fressmuster mit selbstgewählten Pausen zurückzufinden. Dieses Verhalten ist kein Trainingsproblem und kein Ausdruck von Unruhe oder mangelnder Erziehung. Es handelt sich um eine verhaltensbiologische Anpassung an erlebte Futterunsicherheit.
Futterverknappung wirkt beim Pferd als starker biologischer Stressor. Wiederholt erlebter Mangel – etwa durch kurze Öffnungszeiten, lange fressfreie Intervalle oder stark rationierte Raufuttergaben – führt dazu, dass Futter als zeitlich begrenztes und unsicheres Gut abgespeichert wird. Das Pferd lernt nicht „schlecht“, sondern sichert sein Überleben, indem es schneller frisst, Pausen vermeidet und jede verfügbare Fressphase maximal nutzt.
Diese Anpassung bleibt bestehen, auch wenn später wieder mehr Futter angeboten wird. Das Nervensystem reagiert weiterhin auf die Erwartung von Knappheit. Erst wenn über einen längeren Zeitraum verlässliche Futterverfügbarkeit ohne Zeitdruck gegeben ist, kann sich dieses Muster langsam zurückbilden. Ruhe entsteht nicht durch Erziehung, sondern durch Sicherheit.
Sicherheit in der Futterverfügbarkeit ist damit die zentrale Voraussetzung dafür, dass Pferde wieder freiwillige Pausen entwickeln, ruhiger fressen und zu einem stabilen, selbstregulierten Fressverhalten zurückfinden.
Warum wir Zeitsteuerung kritisch sehen
Zeitgesteuerte Heuraufen werden häufig als Lösung verkauft, speziell um übergewichtige Pferde zu managen. Doch anstatt sich zuerst mit der passenden Heuqualität, Körperprozessen, Bewegungspensum oder auch möglichen Erkrankungen auseinanderzusetzen, wird die Zeitsteuerung gerne als ultimative Lösug angesehen. In der Praxis triggert sie jedoch oft genau das, was wir vermeiden wollen: Hunger. Nicht, weil Technik grundsätzlich schlecht wäre, sondern weil sie meist falsch eingesetzt wird. Kurze Öffnungen, lange Pausen, falsche Heuqualität – das Ergebnis ist kein reguliertes Fressverhalten, sondern permanenter Druck.
- Ein System, das Ruhe schaffen soll, erzeugt Spannung.
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Ein System, das Gesundheit fördern soll, belastet sie.
Wann ein anderes Management notwendig ist
Pferdegerechte Fütterung bedeutet nicht maximale Kontrolle, sondern Verantwortung. Verantwortung dafür, dass Pferde ausreichend Zeit haben zu fressen – ohne Zeitdruck, ohne Erwartungsstress.
Fachlich sinnvoll sind:
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lange effektive Fresszeiten (mindestens ca. 16 Stunden pro Tag)
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strukturierende Elemente wie Netze, die die Fressgeschwindigkeit reduzieren
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strukturreiches, kaubedürftiges Heu statt leicht fressbarer Energie
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Bewegung als festen Bestandteil des Tages
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Anpassung der Kalorienbilanz, nicht künstliche Verknappung der Fresszeit
Zeitsteuerung ist dafür kein notwendiges Werkzeug – und in vielen Fällen kein geeignetes.
Zusammenfassend
Wohlstandserkrankungen entstehen nicht durch lange Fresszeiten an sich. Sie entstehen durch eine positive Kalorienbilanz: zu energiereiches Heu, zu wenig Bewegung und fehlende Anpassung an den tatsächlichen Bedarf des Pferdes. Nicht die Dauer des Fressens ist das Problem – sondern das Management dahinter.
Zeitgesteuerte Heuraufen mögen Kontrolle versprechen.
Für viele Pferde bedeuten sie anhaltenden Druck – Tag für Tag.
Pferdegerechte Fütterung heißt, Systeme kritisch zu hinterfragen – und das Pferd wieder in den Mittelpunkt zu stellen.
Quellen:
NRC (2007) Nutrient Requirements of Horses – Meyer & Coenen (2014) Pferdefütterung – Ellis et al. (2005, 2015) Forage intake and feeding behaviour in horses – Harris et al. (2017) Feeding management, gastric health and behaviour – Husted et al. (2008) Effects of feed restriction on behaviour in horses – Houpt (1991) Domestic Animal Behavior – McBride & Cuddeford (2001) Motivated behaviour and welfare – Moberg (2000) Biological response to stress – McGreevy et al. (2012) Equine Behaviour
FAQs zu zeitgesteuerten Heuraufen
Sind Pferde Dauerfresser?
Physiologisch ja. Pferde sind auf viele Stunden rohfaserreiche Futteraufnahme pro Tag ausgelegt.
Warum sind lange Fresspausen problematisch?
Nicht kurze Pausen, sondern lange fressfreie Intervalle erzeugen Hungerstress und Erwartungsspannung.
Sind zeitgesteuerte Heuraufen grundsätzlich schlecht?
Nicht per se – in der Praxis werden sie jedoch häufig so eingesetzt, dass sie Stress statt Ruhe erzeugen.
Sind sie sinnvoll bei übergewichtigen Pferden?
Gewichtsmanagement sollte über Heuqualität, Struktur, Bewegung und Kalorienbilanz erfolgen, nicht über Fresszeitverknappung.
Verlängern Heunetze wirklich die Fresszeit?
Ja. Netze reduzieren die Fressgeschwindigkeit um ca. 30–60 % und verlängern Kau- und Fressdauer deutlich.
Warum ist Kauen so wichtig?
Kauen fördert Speichelbildung, puffert Magensäure und wirkt stressregulierend.
Wird loses Heu schneller gefressen?
Ja. Lose, strukturarme Raufuttergaben werden deutlich schneller aufgenommen – besonders bei kurzen Öffnungszeiten.
Wie wichtig ist die Heuqualität?
Sehr wichtig. Hohe Zucker- und Fruktangehalte verkürzen die Fressdauer und erhöhen das Risiko für Stoffwechselprobleme.
Erholen sich Pferde schnell von Hungerphasen?
Nein. Erlebte Futterunsicherheit wirkt oft über Monate nach.
Was ist entscheidend für ruhiges Fressverhalten?
Sicherheit in der Futterverfügbarkeit, nicht Zeitsteuerung.