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Was tun, wenn Heu knapp wird?

Daniela Vadehra Futterexpertin in ihrem Heulager

Heuknappheit bedeutet nicht automatisch Raufuttermangel. Entscheidend ist, die Raufutterbasis frühzeitig zu erweitern, unterschiedliche Faserquellen sinnvoll zu kombinieren und jeden Wechsel langsam einzuführen. Hygiene, ausreichende Fresszeit, Wasser- und Salzversorgung bleiben dabei wichtiger als die Frage, ob jede Faser ausschließlich aus Heu stammt.

Dieser Sommer war trocken – und zwar nicht regional begrenzt. Österreich hat gerade den trockensten Frühling seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1850 hinter sich, mit teils 80 Prozent weniger Niederschlag. Aber auch in Deutschland und der Schweiz sieht es nicht besser aus: In Bayern bewertet der Bauernverband knapp 80 Prozent des Grünlands als mangelhaft bis ungenügend, in Baden-Württemberg fiel der dritte und vierte Grasschnitt vielerorts komplett aus. Der regionale Heu- und Strohmarkt ist dort nach Angaben des Landesbauernverbands "wie leergefegt", mit Preisen rund 50 Prozent über dem Vorjahr.

Was heißt das für dich als Pferdebesitzerin? Erstmal keine Panik. Heuknappheit bedeutet nicht automatisch Mangelversorgung. Aber sie bedeutet, dass du genauer hinschauen musst, was tatsächlich in der Raufe landet – und vor allem, wie du umstellst. Denn genau da liegt das eigentliche Risiko.

Warum wird Heu gerade überall knapp?

Die Zahlen sind eindeutig: Österreichs Landwirtschaftsministerium beziffert die Ertragsausfälle auf vielen Futterflächen mit bis zu 50 Prozent. In Bayern muss inzwischen fast jeder zweite Betrieb in der Oberpfalz Futter zukaufen, bayernweit sind es knapp 40 Prozent. Baden-Württemberg rechnet landesweit mit 30 bis 40 Prozent weniger Futter, lokal mit bis zu 50 Prozent Ausfall.

Das Problem verschärft sich noch, weil du als Pferdehalterin nicht die einzige bist, die Heu braucht. Rinder-, Schaf- und Ziegenhalter kaufen wegen eigener Futterausfälle ebenfalls zu – die Nachfrage steigt also genau dann, wenn das Angebot sinkt. Und weil die Trockenheit ganz Mitteleuropa erwischt hat, nicht nur einzelne Regionen, ist auch ein Zukauf aus dem Nachbarland kaum eine Lösung. Wenn überall knapp geerntet wurde, gleicht sich das nicht aus.

Warum kann Heu nicht einfach ersetzt werden?

Bevor es um Alternativen geht, lohnt sich der Blick auf die Grundlage: Warum ist ausreichend Rohfaser für ein Pferd nicht verhandelbar?

Pferde sind Dauerfresser - darauf ist ihre Verdauung ausgerichtet. In freier Wildbahn verbringen sie 16 bis 18 Stunden am Tag mit der Aufnahme faserreicher Pflanzen – dabei legen sie fressend viele Kilometer (bis zu 60 am Tag) zurück. Der Magen produziert kontinuierlich Säure, unabhängig davon, ob gerade gefressen wird. Nur ständiges Kauen und der dabei produzierte, bicarbonathaltige Speichel puffern diese Säure ab. Lange Fresspausen bedeuten deshalb nicht einfach nur Hunger, sondern ein reales Risiko für die Magenschleimhaut.

Während der Großteil der Nährstoffe (Vitamine, Proteine etc.) im Dünndarm bereits verwertet werden, wird die Rohfaser vorrangig im Blind- und Grimmdarm durch Mikroorganismen (Darmflora) fermentiert. Diese Darmflora braucht kontinuierlich Faser als Substrat  – bekommt sie zu wenig oder zu unregelmäßig, gerät das mikrobielle Gleichgewicht ins Wanken, mit Folgen von Durchfall über Fehlgärungen bis hin zu Koliken. Rohfaser hält außerdem durch ihr Volumen die Darmperistaltik in Gang und sorgt für den nötigen Durchsatz im Verdauungstrakt.

Und schließlich ist Rohfaser auch Verhaltensbedürfnis: Das lange, gleichmäßige Kauen befriedigt ein natürliches Bedürfnis und beugt Verhaltensstörungen wie Koppen oder Weben vor, die bei zu wenig Beschäftigung mit dem Fressen entstehen können.

Rohfaser ist also nicht einfach nur "Grundfutter", das man notfalls kürzen kann, um Kraftfutter aufzustocken. Sie ist die physiologische Basis, auf der die gesamte Verdauung, das Mikrobiom und ein großer Teil des natürlichen Verhaltens des Pferdes aufbaut. Genau deshalb ist die aktuelle Heuknappheit etwas, das an der Grundversorgung rührt.

Darf Rohfaser für Pferde nur aus Heu/Gras kommen?

Pferde sind Weidetiere, deren Verdauung auf die kontinuierliche Aufnahme großer Mengen faserreicher Pflanzenkost ausgelegt ist. Grasartige Pflanzen bilden zwar den größten Teil der natürlichen Nahrung – aber eben nicht alles. Eine Auswertung von 60 wissenschaftlichen Studien an wildlebenden Pferden (Scasta et al. 2016) zeigt das natrüliche Nahrungsspektrum umfasst:

  • 77–89 % grasartige Pflanzen
  • 4–15 % Kräuter und andere krautige Pflanzen
  • 3–10 % verholzte Pflanzen wie Sträucher und Zweige

Das Pferd ist also auf eine wesentlich größere Pflanzen- und Faserbandbreite eingestellt, als das heutige Schema "Gras – Heu – Gras" vermuten lässt. Auch innerhalb einer Wiese kann diese Vielfalt enorm unterschiedlich sein: Nach Angaben des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL) kommen auf intensiv bewirtschaftetem Grünland im Schnitt nur 15 bis 20 Pflanzenarten vor, auf extensiv geführten Flächen dagegen 30 bis 45. Auf besonders artenreichen Wiesen wie Halbtrockenrasen wurden in der Steiermark durchschnittlich 68 Pflanzenarten pro Fläche gezählt.

Für den Verdauungstrakt zählt also nicht "Gras" als Pflanze, sondern strukturreiche, fermentierbare Faser in ihrer ganzen Bandbreite. Stroh, Luzerne, Heucobs oder Rübenschnitzel aber auch Strauch- und Baumschnitte von passenden Pflanzen können gut eingesetzt werden. 


Das eigentliche Risiko: abrupte Futterwechsel

Aus dürreerfahrenen Regionen der Welt berichten Tierärzte immer wieder von einem Anstieg an Koliken in Trockenperioden. Das Problem ist, was eine Futterknappheit in der Fütterung auslöst: abrupte Wechsel zwischen Heupartien oder auch Futterarten, geringere Wasseraufnahme, mehr trockene Futtermittel, längere Fresspausen bei rationiertem Raufutter, mehr Sand- und Erdaufnahme auf abgefressenen Weiden.

Besonders die abrupten Futterwechsel gehören zu den vermeidbarsten Risiken überhaupt. Warum? Die Mikroorganismen im Blind- und Grimmdarm benötigen eine lange Umstellungsphase, da sie spezialisiert ausgeprägt sind.  Mit jedem plötzlichen Futterwechsel verändert sich die Basis (Substrat) für das Darmmikrobiom, und genau da entsteht das Risiko. Neue Heupartien oder alternative Faserquellen gehören deshalb frühzeitig und schrittweise eingeführt, nicht erst dann, wenn das alte Heu schon aufgebraucht ist.

Heu - Hygiene oder Nährwert, was ist wichtiger?

In Krisenzeiten müssen wir oft mit dem Heu arbeiten, das wir bekommen und Kompromisse eingehen. Bei Hygiene gibt es allerdings eine Grenze, die nicht verhandelbar ist: Verschimmeltes oder Heu mit Giftpflanzengehalt stellt ein hohes Risiko für die Gesundheit unserer Pferdes dar. 

Entscheidend ist, dass Heu frei von Schimmel, Giftpflanzen und Fremdkörpern ist, sauber geerntet und gelagert wurde und sensorisch unauffällig bleibt.

Ist diese Basis gegeben, kannst das Nährstoffprofil gezielt korrigiert werden – gerade bei länger gelagertem oder überständigem Heu ist das oft nötig:

  • Zu wenig Energie? Kann über an das Pferd angepasste Futetrmittel ergänzt werden, wie Hafer, Rübenschnitzel oder Ölsaaten
  • Zu wenig Protein? Kann über Luzerne oder gezielte Aminosäurenergänzer aufgewertet werden
  • Mineralstofflücken? Eine Basismineralisierung muss ohnehin erfolgen, auch hier kann anhand einer Heuanalyse neu angepasst werden, wenn aktuell nicht die gewohnten Heuchargen zur Verfügung stehen. 

Womit kann die Raufutterbasis nun erweitert werden?

Darf ich meinem Pferd auch Stroh füttern?

Stroh ist die naheliegendste Ergänzung. Hochwertiges Futterstroh muss 

  • hygienisch einwandfrei sein, darf 
  • für die Pferdefütterung geeignet und nachvollziehbarer Herkunft
  • sollte ausreichend lange Halme liefern. 

Es liefert viel strukturreiche Faser bei niedriger Energiedichte und verlängert durch die lange Fresszeit die Beschäftigung – besonders interessant für leichtfuttrige oder übergewichtige Pferde. Die Sorge vor Verstopfungskoliken ist berechtigt, aber lösbar: Wird Stroh langsam eingeführt, steht genug Wasser bereit und hat das Pferd keine Zahnprobleme, ist es eine sinnvolle Ergänzung. Als Richtwert kannst du bei gesunden Pferden  mit etwa 20 bis 30 Prozent der Raufutter-Trockensubstanz über Stroh rechnen.

Studien zeigen, dass hochwertiges Stroh deutlich mehr sein kann als Einstreu: In einer Untersuchung mit 50 % Weizenstroh in der Raufutterration verschlechterten sich die Magengeschwür-Scores nicht, gleichzeitig verlängerte sich die Fresszeit und die Insulinkonzentrationen waren niedriger. Eine weitere Studie mit Haferstroh zeigte eine langsamere Futteraufnahme und Veränderungen im Kauverhalten (Jansson et al. 2021; Mostert et al. 2024).

Ist Luzerne eine Alternative?

Luzerne kann bei gesunden Pferden anteilig zu proteinarmem Heu zugefüttert werden, etwa bei Zucht-, Aufzucht- oder Sportpferden, und wirkt sich positiv auf das Fermentationsprofil im Dickdarm aus (Köninger et al. 2022, 2024). Für magenempfindliche Pferde, Senioren oder Tiere mit Zahnproblemen sind Luzerne-Cobs die bessere Wahl, denn die Nährstoffe stecken vor allem im Blatt, nicht im groben Stängel.  In einer Studie an Absetzern waren grobe Luzernehäcksel mit stärkeren Veränderungen der Magenschleimhaut verbunden als Luzernepellets (Vondran et al. 2016).

Wie kann ich Heucobs oder Rübenschnitzel einsetzen?

Heucobs und Rübenschnitzel sind zwei weitere gute Bausteine. Heucobs helfen, wenn einfach nicht genug Heu da ist – speziell, aber nicht nur, für Pferde mit Zahnproblemen. Rübenschnitzel mit unter 10 Prozent Zuckergehalt lassen sich gut in die Rohfaserration integrieren und werten das Heu auch vom Energiegehalt auf - über dickdarmverdauliche Faser. Zu empfehlen sind unmelassierte bzw. zuckerarme Rübenschnitzel (unter 10%).  Sowohl Heucobs als auch Rübenschnitzel liefern aber wenig physisch wirksame Fressstruktur - somit eignen sie sich gut in Ergänzung zu grobstrukturiger Rohfaser.

Warum ist die abgenagte Weide ein Risiko?

Die Dürre verändert nicht nur die Fütterung, sondern oft auch die Haltung: kleinere Paddocks statt Weide, weniger Bewegung wegen der Hitze, stärker rationiertes Raufutter. Auf stark abgefressenen Flächen fressen Pferde außerdem sehr nah am Boden – eine 2021 in Animals veröffentlichte Studie schätzt bei geringer Grasverfügbarkeit eine tägliche Aufnahme von rund 543 bis 648 Gramm trockener Erde pro Pferd. Je knapper das Grasangebot und je kürzer die Grasnarbe, desto höher war also die Bodenaufnahme. Raufen, Heunetze oder eine breite, saubere Strohunterlage helfen, den direkten Kontakt des Futters mit offenem Boden zu reduzieren.

Worauf muss ich bei Wasser- und Salzversorgung achten?

Mit dem Wegfall von frischem, wasserreichem Weidegras verschwindet auch eine wichtige Flüssigkeitsquelle. Bei trockenen Rationen aus Heu und Stroh muss dein Pferd entsprechend mehr Wasser aufnehmen. Biete Heu gezielt über geeignete Slow Feeder oder Sparnetze an, und integriere die tägliche Salzversorgung aktiv ins Krippenfutter, statt dich allein auf einen Leckstein zu verlassen. Regelmäßige, angepasste Bewegung und keine unnötig langen Fresspausen gehören in dieser Situation genauso zum Fütterungsmanagement wie die richtige Futterauswahl.

Warum macht eine individuelle Futteranpassung Sinn?

Ob das Pferd 20 oder 30 Prozent Stroh oder Luzerne verträgt, mehr Heucobs braucht oder besser mit Rübenschnitzeln oder Hafer ergänzt wird, hängt vom individuellen Tier ab: Körpergewicht, Body Condition Score, Alter, Zahnstatus, Haltung, Leistungsniveau und die tatsächlich verfügbaren Futtermittel spielen zusammen. Die eigentliche Kompetenz liegt nicht darin, für jedes Problem ein Spezialfutter zu finden, sondern darin, aus dem, was gerade verfügbar ist, eine funktionierende Ration für genau dieses eine Pferd zu bauen.

Warum ist der Darm wichtig für die Ration?

In der Futterberatung analysieren wir genau: Welche Fasern stehen zur Verfügung, wie kann das Pferd sie nutzen, und wie werden Veränderungen so eingeführt, dass sich auch das Mikrobiom anpassen kann? Ergänzend zur Grundfütterung kommen bei Bedarf auch fermentierte Pflanzensäfte aus eigener Herstellung zum Einsatz, die das Darmmilieu während Phasen veränderter Fütterung begleiten können. Dazu wird die Ration entsprechend angepasst, Mineralisierung, Aminosäurenbedarf, Energiebedarf und Co.


Häufige Fragen zur Heuknappheit 2026

Ist es sicher, meinem Pferd mehr Stroh zu füttern? Wenn dein Pferd gesunde Zähne hat, das Stroh hygienisch einwandfrei und unbehandelt ist, langsam eingeführt wird und ausreichend Wasser zur Verfügung steht. Bei gesunden Pferden ohne Zahnprobleme sind rund 20–30 Prozent der Raufutter-Trockensubstanz ein praxisorientierter Ausgangswert.

Kann Luzerne Heu komplett ersetzen? Nein. Luzerne ergänzt Heu mit geringem Proteingehalt, ersetzt es aber nicht. Für magenempfindliche Pferde eignen sich Luzerne-Cobs besser als grob gehäckselte Luzerne.

Warum kann ein Futterwechsel Koliken verursachen, wenn das neue Futter an sich in Ordnung ist? Weil das Darmmikrobiom Zeit braucht, um sich an eine neue Faserquelle anzupassen. Abrupte Wechsel sind eines der wichtigsten vermeidbaren Kolikrisiken – nicht die neue Futterquelle selbst.

Was ist wichtiger: Nährwert oder Hygiene des Heus? Hygiene. Schimmel, Giftpflanzen oder verunreinigtes Heu lassen sich nicht durch Mineralisierung oder Zusatzfutter ausgleichen. Ein nährstoffärmeres, aber hygienisch einwandfreies Heu ist gezielt korrigierbar – verschimmeltes Heu nicht.

Wo bekomme ich eine individuelle Einschätzung für mein Pferd? Über die kostenlose Futterberatung von Calapo, die Ration, Wasser- und Natriumversorgung sowie Bewegungsmanagement gemeinsam betrachtet.

Quellen: Scasta, J.D., Beck, J.L., Angwin, C.J. (2016). Meta-analysis of diet composition and potential conflict of wild horses with livestock and wild ungulates on western rangelands of North America. Rangeland Ecology & Management, 69, 310–318; Jansson et al. 2021 (Animals, Stroh als Alternative zu Heu); Mostert, N.L., Williams, K., Witherow, B.A. (2024). A Preliminary Study on Feeding Straw to Horses and Its Effects on Equine Chewing and Consumption Rates. International Journal of Equine Science, 3(2), 115–122; Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL), Artenzahl Grünland intensiv/extensiv; Untersuchung Steiermark, Artenzahl Halbtrockenrasen (zit. n. biodiversitaet.bz.it); Köninger, M. et al. (2022). Luzerne in der Pferdefütterung, eine Alternative zu Wiesenheu? Schweizer Archiv für Tierheilkunde, 164, 721–731; Köninger, M., von Velsen-Zerweck, A., Eiberger, C., Löffler, C., Töpper, A., Visscher, C., Reckels, B., Vervuert, I. (2024). Nutrient Composition and Feed Hygiene of Alfalfa, Comparison of Feed Intake and Selected Metabolic Parameters in Horses Fed Alfalfa Haylage, Alfalfa Hay or Meadow Hay. Animals, 14(6), 889; Vondran, S., Venner, M., Vervuert, I. (2016). Effects of two alfalfa preparations with different particle sizes on the gastric mucosa in weanlings: alfalfa chaff versus alfalfa pellets. BMC Veterinary Research, 12, 110; Animals 2021 (Sand-/Erdaufnahme bei Weidepferden); Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft Österreich (Ertragsausfälle 2026); Bayerischer Bauernverband, Mitgliederumfrage 2026; Landesbauernverband Baden-Württemberg, Erntebilanz 2026; Deutscher Raiffeisenverband, Ernteschätzung 2026.